Erkenntnistheoretische Notizen zur sozialen Frage der Gegenwart

 

„Sehen Sie, auf dem ganzen Felde, das man überschauen kann mit dem bloßen Sinnesvermögen und dem Verstande, der an dieses Sinnesvermögen gebunden ist, auf diesem Felde sind die Ideen, welche der sozialen Bewegung notwendig sind, nicht zu bilden. Diese Ideen liegen, wenn sie in ihrer unmittelbaren Wirkungskraft geschaut werden sollen, durchaus jenseits der Schwelle, die von der physisch-sinnlichen Welt zur übersinnlichen Welt führt. […] Das Allernotwendigste für die Gegenwart und für die nächste Zukunft in Bezug auf die Entwicklung der menschlichen Geschicke ist das Hereinholen von jenseits der Schwelle, und die charakteristischste Erscheinung der Gegenwart ist diese, dass ein solches Hereinholen von jenseits der Schwelle geradezu abgelehnt wird.“  – Rudolf Steiner[i]  

 

Thomas Brunner, Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zu Philosophie und Wirtschaft und tätig in der Freien Bildungsstiftung, dem D. N. Dunlop Institut und dem Verlag Edition Immanente.

Ein Blick in die Gegenwart zeigt, dass gerade angesichts der Finanz- und Staatsverschuldungskrise wiederum zwei altbekannte Positionen mit neuer Deutlichkeit hervortreten: einerseits diejenige, die als Fehlentwicklung vor allem die zunehmende staatliche Normierung durch einen überbordenden „Sozialstaat“ sieht, deshalb mehr individuelle Freiheit fordert und „private Solidarität“ propagiert; andererseits die Position, die meint, die sozialen Fehlentwicklungen der letzten Jahre könnten nur durch einen erstarkten Steuerstaat wieder ausgeglichen werden.

Exemplarisch zeigen sich diese beiden Positionen in zwei aktuell erschienen Büchern: 1. Kurt Biedenkopf: „Wir haben die Wahl – Freiheit oder Vater Staat“[ii] und 2. Kathrin Hartmann: „Wir müssen leider draußen bleiben: Die neue Armut in der Konsumgesellschaft“[iii]. Beides in ihrer Weise engagierte Texte. Biedenkopf beklagt vor allem den überbordenden, mit Sonderinteressen aufgeblähten Versorgungs- und Lenkungsstaat und fordert mehr Freiheit und eine Rückbesinnung auf die „kleinen Lebenskreise“ (Familie etc.). Hartmann sieht dem gegenüber, dass die Gesellschaft zunehmend zerfällt und wendet sich deshalb gerade gegen „private Wohltätigkeit“, weil damit der „Rechtsanspruch“ sozialer Sicherung verloren ginge. Also: Biedenkopf propagiert mehr individuelle (private) Verantwortung, Hartmann mehr allgemeine (staatliche). Nun zeigt sich aber das interessante Phänomen: beide halten das Grundeinkommen für eine mögliche Lösung! Was liegt nun vor, in dieser eigenartigen Synthese von konservativem und linkem Denken? Bei näherer Betrachtung ist deutlich, dass beide bis zur „Schwelle“ kommen, indem sie abstrakt zusammenführen, was aber real geleistet werden müsste: für Biedenkopf ist nämlich das Grundeinkommen der Ausgleich seiner tendenziell zu privaten Anschauung: durch das Grundeinkommen glaubt er die Beziehung zum Allgemeinen herzustellen. Für Hartmann hingegen ist das Grundeinkommen die Bemühung in der allgemeinen Forderung das Individuum nicht zu verlieren. Worum geht es also eigentlich? Es geht um die zwei Fragen:

  1. Wie kann im Individuellen das Allgemeine aufleuchten?
  2. Wie kann der allgemeine Gedanke das Individuelle erfassen?

Die erste Frage ist die Frage der KUNST.

Die zweite Frage ist die Frage der (Geistes-) WISSENSCHAFT.

Deshalb konnte Goethe sagen:

Wer Kunst und Wissenschaft besitzt,

Hat auch Religion;

Wer jene beiden nicht besitzt,

Der habe Religion.[iv]

Die Frage der (sozialen) Kunst ist also: wie kann ich einem individuellen Menschen so begegnen, dass die Begegnung nicht nur eine private ist, sondern eine menschheitliche (allgemeine)? Die Frage der (Geistes-) Wissenschaft: wie muss der Begriff verfasst sein, damit er empfänglich ist Individuelles, Wesenhaftes aufzunehmen? Wer diese Polarität nicht leisten möchte, „der habe Religion“ (als einer von „außen“ aufgenommenen Lebensorientierung) – gerade weil er Religion als Lebenswirklichkeit nicht erreicht.

In polaren Feldern steht der Mensch also in der sozialen Welt: einmal, indem er wirtschaftlich mit seinen Mitmenschen in Beziehung tritt; zum anderen in dem er ein Geistesleben pflegt. So stehen sich also Wahrnehmung und Begriff gegenüber. Im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein durchdringen sich Wahrnehmung (Objektives) und Begriff (Subjektives) relativ beliebig und nach jeweilig individueller Neigung und bilden sich zur Vorstellung. Sollen sie zu Erkenntnisorganen werden, dann müssen sie rein ausgebildet werden.

Das bedeutet für das Begriffsleben, dass die an der Sinneswahrnehmung gewonnenen Begriffe ihrer vorstellungshaften Spezifizierung entkleidet werden, indem das Denken selbst in die Anschaulichkeit erhoben wird. Für das soziale Leben bedeutet das die Loslösung (Befreiung) des Geisteslebens von allen staatlichen und wirtschaftlichen Sonderinteressen. Sofern das „Allgemeine“ als die Sphäre eines spezifischen Nationalstaates gedacht wird, ist die Allgemeinheit des Begriffes eben noch nicht erreicht, denn Individualität ist der Mensch nicht als Staatsbürger, sondern ausschließlich als Glied der Menschheit. Die Sphäre des Geisteslebens gilt es also per se „transnational“ auszubilden, denn erst dann kann der Einzelne sein besonderes Schicksal erkennen.

Für die Wahrnehmung bedeutet das: alles nur Subjektive wird zurückgedrängt, um die objektiven Faktoren durch die Erweiterung des Gesichtspunktes und die Bildung von öffentlich-sozialen Zusammenhängen sich selbst aussprechen zu lassen. Für das soziale Leben bedeutet das die Bildung assoziativer (wirtschaftlicher) Zusammenhänge, in denen die verschiedenen Aspekte von Produktion, Handel und Konsum zur Bildung eines sozialen Urteils zusammengetragen werden können. Sofern das „Individuelle“ nur „privat“ im Rahmen regionaler und natürlicher (familiärer etc.) Zusammenhänge aufleben soll, wird die Sphäre der Wahrnehmung vorstellungshaft subjektiviert, denn worauf es ankäme wäre: die welt-wirtschaftlichen Arbeitsteiligkeits-Verhältnisse sich selbst aussprechen zu lassen. Nur wenn in diesem Sinne der Einzelne seine Wahrnehmung auf den gesamten Radius seiner wirtschaftlichen Beziehungen lenkt, kann sich ihm seine karmische Aufgabe erhellen, d.h. erst dann kann der Begriff eines Wirtschaftens-für-einander erfüllt werden.

Die Rechtsebene als dritte soziale Sphäre findet als Steigerung aus der Polarität in der permanent anzustrebenden Gerechtigkeit der sozialen Prozesse ihre lebensvolle Gestaltung. In diesem Sinne fasst Rudolf Steiner zusammen:

„Daher ist die soziale Frage in ihrem tiefsten Sinne zuallererst eine geistige Frage: Wie breiten wir eine einheitlich wirkende Geistigkeit unter den Menschen aus? Dann werden wir auf wirtschaftlichem Gebiete uns in Assoziationen zusammenfinden können, aus denen heraus sich erst die soziale Frage in einer konkreten Weise wird gestalten und partiell – muss ich immer sagen – lösen lassen.“[v]

So zeigt sich, wie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen eine Abstraktion an die Stelle gesetzt wird, an der eigentlich gerade die entscheidende Aktivität einsetzen müsste, nämlich das polare Beschreiten einer dreigliedrigen Gesellschaftsgestaltung, als Bildeprozess einer neuen sozialen Kultur. Diese Abstraktion entsteht, weil die Dualität von Individuum und Allgemeinheit nicht als zu steigernde Polarität erfasst wird, sondern vorstellungshaft (als abstrakte Geldzuweisung) in einander geschoben wird. Damit ist zwar die Schwelle einer „partiellen Lösung“ der sozialen Frage markiert, das eigentliche Feld sozialen Lebens und Gestaltens aber geradezu verstellt.

Es ist dieselbe Abstraktion, die bereits Nikolaus von Kues als notwendig zu überwinden darstellte, wenn sich die geistige Welt eröffnen soll:

„So habe ich den Ort gefunden, an dem Du unverhüllt gefunden werden kannst. Er ist vom Ineinsfall der Gegensätze umgeben. Er ist die Mauer des Paradieses, in dem Du wohnst. Seine Pforte bewacht der höchste Geist des Verstandes. Wird dieser nicht besiegt, wird der Zugang nicht offen sein.“[vi]

Diese von Nikolaus von Kues geahnte Sphäre ist aber nicht mehr als Sphäre eines jenseitigen „Gottes“ zu denken, sondern sie ist die Sphäre unmittelbar menschlicher Begegnung und An-Erkennung.

 Erstveröffentlicht in: DAS GOETHEANUM, 2. März 2013, Ausgabe Nr. 9


 [i] Rudolf Steiner, Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, Vortrag vom 14. 11. 1918 in Dornach, Dornach 1963, GA 185a, S. 197/198

[ii] Kurt Biedenkopf: Wir haben die Wahl – Freiheit oder Vater Staat, List Verlag, Berlin 2012

[iii] Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben: Die neue Armut in der Konsumgesellschaft, Blessing Verlag, München 2012

[iv] Johann Wolfgang Goethe, Zahme Xenien IX

[v] Rudolf Steiner, Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst, Vortrag vom 28.8. 1922 in Oxford, GA 305, Dornach 1979, S. 218

In einem anderen Zusammenhang schildert Rudolf Steiner die drei Glieder des sozialen Organismus noch einmal ausdrücklich in diesem Verhältnis: „Im naturgemäßen, lebendigen dreigliedrige Organismus hat man es nun zu tun, ich möchte sagen mit den zwei polarischen Gegensätzen: auf der einen Seite mit dem geistigen Leben und auf der anderen Seite mit dem wirtschaftlichen Leben. […] Aber ein scharf gefasstes Rechtssystem wird gerade dadurch zustandekommen, dass man in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus sich wirklich entfalten lässt die den anderen Gliedern des sozialen Organismus ureigenen Kräfte. Dadurch werden erst die Unterlagen geschaffen, die eine wirkliche Rechtsbildung ergeben können.“ In: Rudolf Steiner, Soziale Ideen – soziale Wirklichkeit – soziale Praxis, Schweizer Bund für Dreigliederung, Bd. II, Fragenbeantwortung vom 6. April 1920 in Dornach, GA 337b, Dornach 1999, S. 141ff

[vi] Nikolaus von Kues, De visione Dei, Kap. 9, Übersetzung aus: http://urts99.uni-trier.de/cusanus/content/fw.php?werk=20&ln=de_vd&nvk_fw=32

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *